2022 42. Psalm / Lobgesang – Mendelssohn

42. Psalm “Wie der Hirsch schreit…” Felix Mendelssohn Bartholdy

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir“ – so die Eingangsworte des von Felix Mendelssohn Bartholdy 1837 für gemischten Chor, Orchester und Solosopran vertonten 42. Psalms in der Übersetzung Martin Luthers.
Der sehnsuchtsvolle Aufschrei in Gottesferne und Ausdruck verzweifelter Suche im ersten Satz der siebenteiligen Kirchenkantate meint: Das Wasser ist für das körperliche Leben so notwendig wie die Gemeinschaft mit Gott für die menschliche Seele.
Das Thema, vorgestellt vom Chor-Alt, wird im weich fließenden Eingangschor durch die anderen Stimmen aufgenommen und musikalisch verarbeitet. In der folgenden Arie „Meine Seele dürstet nach Gott…“ führt der Solosopran zunächst einen Dialog mit der obligaten Oboe, die zur Darstellung sehnsüchtig-leidender Affekte verwendet wird. Nach dem anschließenden Rezitativ „Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht…“ stimmen Sopran und Alt des Chores ein in den innersten Wunsch des Psalmisten „Denn ich wollte gern hingehen […] und mit ihnen wallen zum Hause Gottes.“
Im nun folgenden Mittelteil tritt eine Wende ein: Es wird einstimmig und mit mächtigem Bläsersatz Antwort gegeben auf die drängenden Fragen. „Harre auf Gott! Denn ich werde ihm noch danken…“ – so spricht sich der Psalmist selbst Zuversicht und Mut zu. Im fünften Teil folgt ein Sopran-Rezitativ, bei dem das Motiv der Wellen und Fluten, die über dem Psalmsänger hereinbrechen, durch entsprechende instrumentale Figuren dargestellt wird. In Kontrast dazu steht das darauffolgende melodische Quintett mit Solosopran und vier Männerstimmen. Im mächtigen Schlusschor wird das Thema des Mittelteils („Harre auf Gott“) wieder aufgenommen, bevor die Kantate mit einer von Mendelssohn dem Psalmtext hinzugefügten Lobpreisung („Preis sei dem Herrn, dem Gott Israels von nun an bis in Ewigkeit!“) in einer Fuge auf ihr prachtvolles und zuversichtliches Ende voller Gottesgewissheit zusteuert.
Das Werk, geschrieben während Mendelssohns Hochzeitsreise nach Süddeutschland, wurde zu seinen Lebzeiten häufig aufgeführt – erstmals 1838 im Leipziger Gewandhaus. Er selbst urteilte, der 42. Psalm scheine ihm „das beste, was ich in dieser Art componiert habe“. (Text: Maria Glodny)

Lobgesang op. 52 Felix Mendelssohn Bartholdy

Es sind zunächst Fünfhundert Takte Pause für den Chor, »Stricke des Todes hatten uns umfangen« und die bange Frage »Hüter, ist die Nacht bald hin?«. Damit beginnt der »Lobgesang« von Felix Mendelssohn-Bartholdy und ist geradezu sinnbildlich für die lange sang- und klanglose Zeit in den Lockdowns der Pandemie. »Die Nacht ist vergangen«, »laßt uns ergreifen die Waffen des Lichts« so wollen wir in unser Jubiläumsjahr starten und stimmgewaltig und befreit mit »Alles was Odem hat, lobe den Herrn« und dem großen »Nun danket alle Gott« unsere Freude und unseren Dank für den Wiederbeginn und unser Jubiläum zum Ausdruck bringen.

»Lobgesang«
von Felix Mendelssohn-Bartholdy war schon vor der Zeit des Virus auf dem Tableau der Kantorei und sollte der Freude über das 50-jährige Jubiläum Ausdruck verleihen – doch nun steht es unter ganz anderen Vorzeichen. Es stellt sich die Frage, ob der »Lobgesang« den richtigen Ausdruck für die vielen offenen Fragen nach der Pandemie findet. Viele Menschen sind gestorben, wirtschaftliche Existenzen zerstört, Familien zerbrochen und Kinder nachhaltig benachteiligt. Darf man da loben? Kann man »Danke« sagen? Aus Sicht derer, die relativ glimpflich davongekommen sind, darf man das sicher. Doch was ist mit den anderen? Der Rat der Stadt Leipzig gab den »Lobgesang« 1840 bei Felix Mendelssohn-Bartholdy in Auftrag. Es sollte symphonisch sein und einen Chor vorsehen. Das Werk beendete schließlich eine fast eineinhalbjährige Schaffenskrise des Komponisten. Mendelssohns Symphonie-Kantate ist durchaus ikonisch: im ersten Drittel des Werkes ist der Chor nicht beteiligt.

Und der Zuhörer bemerkt: irgendetwas fehlt, denn das Orchester singt – viele Phrasen der ersten 500 Takte könnte man ohne weiteres textieren. Doch es scheint, als ringe das Orchester nach Worten für die Musik. Erst der Chor, der beim Jubiläumskonzert ebenfalls eine anderthalbjährige, durch die Pandemie erzwungene »Schaffenskrise« beenden wird, macht das Werk vollständig, und erst der Chor gibt schließlich dem Stück seine »Aus-Sage«. »Hüter, ist die Nacht bald hin?« fragt der Tenor, eine Frage, die man vielen Politikern gestellt hat, viele Chorsänger fragten: »ist der Lockdown endlich vorbei?«